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CRAUSS

 

Der 1997 geborene und aus Siegen stammende Künstler CRAUSS wendet die Kulturtechnik des Remixens auf seine eigenen Texte an. Vor allem in seiner Lyrik, sich niederschlagend in Werken wie Crausstrophobie. Texte & Remixes. (München: Lyrikedition 2000/ Buch & media 2001) und 
CRAUSSSTREICHUNGEN. (Remixes. Siegen: handverlag 2000) sowie CRAUSS AUF DEM SEE. originalgedicht & vier remixes (handbuch 05, siegen: handverlag 2001) sampled er Autoren wie Brecht und Heine – vorwiegend aber, und das ist das spannende: sich selbst. Auf den ersten Blick wirken seine Texte, seine Technik skurril, erinnern an Clip-Art – so wird geschnitten, rückverknüpft, wiederholt; melodisiert.



CRAUSS, 2013
Fotograf: Marvellous

ORIGINAL

AUF DEM SEE

hoch über dem see
liegt drückender dunst. es ist abend und der tag
war heiss. ich sitze, die schreibmappe auf knien, nackt
im pavillon. ein weisser kahn
kommt durch die weide in sicht, im heck zwei männer.
zur seite schweigend ihre kleider, und den kopf
in den nacken gelegt, von weitem
gleichen sie jungen staren, die schnäbel aufreissend
der nahrung entgegen.
hoch über dem see
drückt schwül die luft. vorbei gleitet
der kahn, an seiner ruderbank aus vollen kräften rudernd
ein kind.

REMIX

AUF DEM SEE
brot & spiele

hölderlin, von küssen trunken, beisst
in eine birne; saftig
frische nahrung saugt aus jener
frucht er. es ist abend
und der tag
war heiss, wir lassen es uns gutgehn, nackt
im pavillon. den kopf
in den nacken gelegt,
gleichend einem jungen star, den schnabel aufgerissen
mit feuchtem blick empor erwarte ich, was
hölderlin mir eingibt. wolkiggelbes tropfen gleitet
über meine brust, das plätschern schallt
quer übern see;
mir war, als sah ich einen kahn.
da kommt er durch die weide auch in sicht,
an seiner ruderbank aus vollen kräften rudernd
brecht. auf seiner stirn
perlt schwül die luft.
quer übern see
schreit goethe einszwei, einszwei und gefällt sich dabei sehre.
brecht seufzt lang und bang, er atmet kaum;
der kahn, ein altes stück, schwankt, schaukelt und bricht durch:
quer übern see,
ein gurgeln, glucksen,
himmelan ein vogelaufschwung, widerschallt
jetzt unser lachen.
der kahn sinkt nieder, weicher wind erhebt sich und
im trüben licht verschwindet goethe grün mit
brecht im schilf. der tag
war heiss;
sein antlitz rein, so schön im sommer, findet
hölderlin den schritt zum steg, bespiegelt sich und badet dann.
und wenn er aus dem wasser steigt, ists abend
brotzeit.

So unterschiedlich die Texte auf den ersten Blick sein mögen, nicht nur Motive wiederholen sich, auch der Klang bleibt ähnlich. Im Neuen findet sich das alte, die Geschichte bekommt neue Attribute, behält ihre Basis doch bei. Sehr bewusst geht Crauss mithin mit dem Output seines Schaffens um, Remixe und Collagen entstehen nicht willkürlich sondern zu einem Zweck: Perspektivenerweiterung. Im Jahr 1775 entstand Johann Wolfgang von Goethes gleichnamiges Gedicht „Auf dem See“. In diesem steht vor allem die Naturverbundenheit des lyrischen Ichs im Rahmen einer gewissen Rekonvaleszenz im Mittelpunkt. Eine ähnliche Form von Idylle, die sich noch im Crauss’schen Originaltext niederschlägt wird im brot & spiele – Remix (der letzte von einer Reihung von vieren3) aufgebrochen, Brutalität zieht ein, das Motiv der kräftigen Jugend transformiert sich in Gebrechlichkeit, Tod. Intertextualität wird deutlicher, Goethe wird namentlich genannt, verschwindet mit Brecht gemeinsam im Schilf. Einzig Hölderlin bleibt mit dem lyrischen Ich zurück, nachdem er sich zu Anfang mit einer Birne gestärkt hat. Auch hier weist der Remix so nicht nur auf sein Original sondern ebenfalls auf Motive und Attribute des, in 1804 erschienen Hölderlin Gedichtes „Hälfte des Lebens“ zurück, das den Bruch zwischen Jugend und Vergänglichkeit thematisiert, ebenso wie der Crauss’sche Remix die Unschuld in die Form einer morbiden Atmosphäre übersetzt. Blickwinkelverschiebung und Textverweise erweitern das Original in jedem Remix um einen weiteren Zugriff, setzten das Alte in neuen Bezug, lassen einen semantischen Kreislauf entstehen der fließt. Darüber hinaus ruft er seine Leser selbst auf Remixe von ausgewählten Teilen seines Werkes im Rahmen einer Creative Commons License zu erstellen.

Titelbild: Marvellous – CRAUSS: HERREN (2006)
– mit freundlicher Genehmigung.

Zur Autorin:
Katharina Meyer

Katharina Meyer ist bevorzugt Technik- und Kulturhistorikerin, subtil Kultur- und Medienmanagerin, laufend Kuratorin (z.B. bei der re:publica) und in Teilzeit Research Associate am Hybrid Publishing Lab (Leuphana Lüneburg) sowie Projektleiterin für Digital Humanities bei der OKFN. Sie mäandert an den Schnittstellen von Schönen Künsten und Technik und publiziert zu Netz- und Medienkunst sowie Digitaler Kultur.


@KthrnMeyer