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Hitlers Lambeth Walk

 

Titel Hitler assumes Command
Autorschaft

Charles A. Ridley (im Auftrag des britischen Ministry of Information)

Datum 25.12.1941
Land England
Technische Daten

s/w-Tonfilm, Länge: 2.44 Min.

Mediales Genre Ton-Bild-Montage
Bereich Politische Propaganda
Ausgangsmaterial

Ton: orchestrale Fassung des Lambeth Walk (aus dem Musical Me and My Girl, GB 1937, Musik: Noel Gay, Text: Douglas Furber u. L. Arthur Rose)
Bild: Szenen aus Leni Riefenstahls Propagandafilm Triumph des Willens, D 1935.

Quelle

nationalarchives.gov.uk

Zum Weihnachtsfest des Kriegsjahres 1941 präsentierte das britische Informationsministerium einen Remix, der mittlerweile als Englands meistgesehener Kurzfilm des 2. Weltkriegs gilt. Produziert von Charles A. Ridley und der British Movietone ist die knapp 3-minütige Ton-Bild-Montage als Newsreel-Clip gestaltet und mit der vermeintlich düsteren Schlagzeile Hitler Assumes Command (Hitler übernimmt das Kommando) betitelt. Anstatt jedoch eine Hiobsbotschaft zu verkünden, sollte der Remix zu einer zuversichtlicheren und heiteren Festtagsstimmung in der englischen Bevölkerung beitragen und den Nationalstolz stärken.




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Remix als Weihnachtsbotschaft der Regierung

Formal als Ton-Bild-Nachricht angelegt, bietet der Remix eine propagandistische Persiflage: Ridley porträtiert einen vergnügten Adolf Hitler, der in der Rolle des Zeremonienmeisters unterschiedliche Abteilungen der Wehrmacht (u.a. Leibstandarte, Heer-Musik-Corps) im Nazi-Stechschritt zu einer Instrumentalversion des damals weltbekannten englischen Swingtanzhits The Lambeth Walk aufmarschieren lässt. Diese für die Tonspur verwendete Version des Lambeth-Walk stammt als Tanznummer aus Noel Gays Londoner Erfolgsmusical Me and My Girl (1937). Der Song hatte sich infolge rasanter massenmedialer Popularisierung durch Radio, Fernsehen (!), Zeitungen sowie durch eine Musical-Kinoverfilmung zu einem britischen Nationalprodukt entwickelt und wurde zu einem grandiosen Exporterfolg in Europa und den USA. Zahlreiche adaptive Varianten mit neuen Textfassungen und Tanzschrittfolgen waren in kürzester Zeit in unterschiedlichen Ländern entstanden, so z.B. die deutsche Cover-Version In Lamberts Nachtlokal (1938) oder, wie in einem Times-Artikel aus dem Herbst 1938 berichtet wird, die umgedichtete Lambeth-Walk-Strophe eines jungen Engländers: „And while dictators rage and statesmen talk, / All Europe dances – to The Lambeth Walk.“ Indem der Lambeth Walk erklang – ob als Lied, gepfiffene oder als orchestrierte Tanzmelodie – die grundlegende Botschaft des Musicals wurde als Appell für soziale Gerechtigkeit mittransportiert und ließ für die Dauer des Musikstücks ein Lebensgefühlsideal für viele Zeitgenossen Ridleys lebendig werden.

Wer fragt im Krieg schon nach dem Urheberrecht

Sein Found Footage für die Bildspur bezog Ridley aus dem nationalsozialistischen Kinoprogramm und montierte die Free-’n-Easy-Atmosphäre des Lambeth Walk zu selektierten Szenen aus Leni Riefenstahls Monumentalfilm Triumph des Willens (1935). Dieses Remixing lässt sich als triumphale Geste Ridleys verstehen, bedenkt man, dass Riefenstahls heroisierender Film von den Feierlichkeiten des Nürnberger Reichsparteitags im Jahr 1934 als das Non-plus-ultra der NSDAP-Propaganda  angesehen wird: Der Diktator, der den Film selbst in Auftrag gegeben hatte, wird durch den avancierten Einsatz filmrhetorischer Mittel als übermenschliche Rettergestalt gefeiert. Ridley ließ ausgewählte Filmnegative passgenau zur montierten Musik ca. 30 Frames vorwärts und um dieselbe Anzahl rückwärts kopieren, um den Eindruck der rhythmischen Vor- und Rückwärtsbewegungen der Soldaten entstehen zu lassen. Von den zeitgenössischen Rezipienten konnte die zu einem ungelenken maschinenhaften Tanz verführte Gefolgschaft Hitlers als spöttischer Kommentar auf die in Deutschland seit 1938 in mehreren deutschen Städten ausgesprochenen Swing-Tanzverbote gedeutet werden. Denn über die internationale Presseberichterstattung war bekannt geworden, dass auch der Lambeth Walk, gerade weil er in der deutschen Bevölkerung sehr beliebt war, offiziell als minderwertiges Produkt missbilligt wurde. Als Maßnahme zur Errettung des deutschen Kulturguts war der Lambeth Walk bereits 1939 in die von der Reichskulturkammer zusammengestellte Erste Liste unerwünschter musikalischer Werke aufgenommen worden.

Kontext

Ridleys Slapstick-Montage zeigt beispielhaft auf, dass ein Remix als symbolisches Kampfmittel politische Semantiken umdeuten kann. Erkennbar ist eine aggressive und zielgerichtete Erniedrigungshandlung, die zunächst dasjenige, was dem Gegner zur eigenen Größendemonstration dient, respektlos annektiert, formal demontiert und mit einer Gegenaussage versieht. Der Gestus und das Ergebnis derartiger fremdmaterialbezogener Kommunikationsakte besitzen per se ein deutlich größeres Machtpotential als Diffamierungen, die aus originärem Eigenmaterial geformt werden, da nur das Demontageprodukt formal zugleich die Spur einer Pervertierung und Kontaminierung aufweist. Von England aus wurde Ridleys Montage in einem zweiten Schritt gezielt an verbündete Länder frei weitergegeben, um dort nach Belieben mit neuen Titelvorspännen versehen zu werden: Hoch der Lambeth Valk – A Laugh-Time Interlude (Pathe Gazette), General Adolf Takes Over – by Intuition! (Graham Mc Namee für Universal Newsreel), Germany Calling oder Panzer Ballet (Spectator Films) sowie Schicklgruber/Schichlegruber Dancing the Lambeth Walk. Assisted by the Gestapo „Help-Cats“ (Leslie Winik für Official Films, USA). Aktivisten in den von Hitler-Deutschland besetzten Ländern wie Dänemark, Schweden und den Niederlanden profitierten somit von den zur Verfügung gestellten Versionen, indem sie intervenierend Kinoveranstaltungen unterbrachen und eine unangekündigte Vorführung des Clips erwirkten, um durch einen cineastischen Moment der mokanten Erheiterung eine aktive Widerstandsgesinnung zu begünstigen.
Resümierend ist festzuhalten, dass die Wirkung von Ridleys Weihnachtsremix von 1941 nicht nur aus der raffinierten Montage resultiert. Zentral ist vielmehr die popkulturelle und mediale Situation der späten 1930er Jahre, in der sowohl der Lambeth Walk wie auch Riefenstahls Film einen hohen Bekanntheitsgrad besaßen und jeweils stark aufgeladen waren, was als Voraussetzung dafür gelten muss, dass Ridleys Persiflage als ein national und international verständliches Zeichen mit solidarisierender froher Botschaft gegen die Nazi-Nasties gelesen werden konnte.

Hokey Cokey Remix 2013

Vor dem Hintergrund, dass auf Ridleys Remix bereits seit geraumer Zeit in der Social-Network-Community aufmerksam gemacht wurde, werden mittlerweile Vorschläge zu einem aktualisierten Makeover realisiert. Da die Soundmarke Lambeth-Walk bei den jungen Internet-Akteuren heute als Aufruf eines positiven Lebensgefühls nicht mehr wirkkräftig ist, liegt es nahe, dass eine Adaption bei der Tonspur ansetzt. So etwa kürzlich in England geschehen, als die Ridley-Montage mit dem aus der angloamerikanischen Kindergartenszene heute bekannten Education-Song Hokey-Pokey (USA), bzw. Hokey Cokey (GB) unterlegt und unter dem Titel General Adolph Takes Over – Hokey Cokey Remix (2013) präsentiert wurde. Wer diese Remix-Übung, mit der Hitler auf Vorschulniveau erniedrigt wird, als kruden Hokus-Pokus betitelt, der mag durch den Wikipedia-Eintrag zur Hokey-Pokey-Historie erfahren, dass hier ebenfalls ein Modetanz aus dem Zweiten Weltkrieg zitiert wird und somit der strukturelle Bezug zu Ridleys Remix auf der Tonebene aktiv beibehalten wird.


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Referenzen

Gervink, Manuel u. Matthias Bückle (Hgg.): Lexikon der Filmmusik. Personen – Sachbegriffe zu Theorie und Praxis – Genres. Laaber: Laaber-Verlag 2012.

Harrisson, Tom u. Charles Madge: Britain by Mass-Observation. Harmondsworth: Penguin 1939.

Loiperdinger, Martin: Rituale der Mobilmachung. Der Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl. Opladen: Leske + Budrich 1987.

Moore, Alex: Ballroom Dancing. London: Pitman 1939.

Strötgen, Stefan: „,Ich komponiere den Parteitag…‘. Zur Rolle der Musik in Leni Riefenstahls Triumph des Willens“, in: Von Schlachthymnen und Protestsongs. Zur Kulturgeschichte des Verhältnisses von Musik und Krieg, hrsg. von Annemarie Firme u. Ramona Hocker. Bielefeld: Transcript 2006, S. 139–157.

Wicke, Peter, Wieland Ziegenrücker u. Kai-Erik Ziegenrücker (Hgg.): Handbuch der populären Musik. Geschichte – Stile – Praxis – Industrie. Erw. Neuausgabe. Mainz: Schott 2007.

Zur Autorin:
Anett Holzheid

Anett Holzheid ist Medien- und Sprachwissenschaftlerin und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZKM in Karlsruhe. Zuvor war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mediengeschichte der Universität Siegen tätig.

www.holzheid.net