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Pierre Schaeffer und die Musique concrète

 

Titel Musique concrète
Autorschaft

Pierre Schaeffer, Pierre Henry

Datum seit 1948
Land Frankreich
Technische Daten

Stücke unterschiedlichster Länge; Schallplatten- und Tonbandmanipulationen

Mediales Genre Avantgardistisch-Experimentelle Klangmontage
Bereich Musik, Geräusche
Ausgangsmaterial

Vorgefundene Alltags- und Körperklänge

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begründete der Radioingenieur Pierre Schaeffer eine Künstlergruppe namens Musique concrète, deren Werke als Vorläufer des Samplings und Remixings gelten – auch wenn diese Praktiken damals noch ganz anders hießen.



1948 war Schaeffer zum Französischen Rundfunk RDF (später: RTF) gekommen, um dort ein experimentelles Tonstudio aufzubauen. Seine Mittel waren zu Beginn stark begrenzt, was den experimentierfreudigen und auch intellektuell sehr versierten Ingenieur dazu brachte, sich auf das Wenige Vorhandene zu konzentrieren und es nach eigenem Ermessen zu zweckentfremden. Diese Herangehensweise sollte sich auch in der ästhetischen Qualität seiner Musik widerspiegeln. Schaeffers Ziel war ambitioniert: Er wollte von einer abstrakt geschaffenen, als Notation komponierten Musik hin zu einer aus konkretem Klangmaterial montierten Musik gelangen. Das bedeutet, dass er die traditionelle Arbeitsteilung zwischen dem Komponisten, der auf Papier ein Stück erschafft, und seinem Interpreten, der dieses Stück am Instrument widergibt, aufheben wollte.

Schaeffers Herangehensweise an dieses musikalische Problem – und dies machte ihn vermutlich in der Retrospektive zu einem unfreiwilligen Pionier der DJ-Culture – war geprägt von der Zweckentfremdung von Plattenspielern, Schallplatten und Klangobjekten.

Material

Genauer gesagt arbeitete er mit einem Phonographen, also einem Gerät, das Schallplattenrohlinge mit klanglichen Informationen beschreibt. Eines Tages schloss er beim Beschreiben einer Platte eine ihrer Rillen, was dazu führte, dass die Nadel nicht mehr wie gewohnt nach Innen wandern konnte, sondern in einer einzigen Rille gefangen war: Das in diesem „sillon fermé“ eingeschlossene musikalische Fragment wiederholte sich unentwegt. Schaeffer war begeistert! Denn nun war es ihm möglich, sich diese dekontextualisierte musikalische Passage immer und immer wieder, quasi in Dauerschleife, anzuhören und dabei besonders auf die feinen klanglichen Nuancen wie Tonhöhe oder Timbre zu achten, die es zu untersuchen galt. Er nannte diese Methode der besonders intensiven Klangwahrnehmung „écoutre réduite“, also „reduziertes Hören“.

Symbolische Darstellungen von Pierre Schaeffer zum „Spirale d’enregistrement“ (links) und „Sillon fermé“ (rechts). Entnommen aus Schaeffer, Pierre (1952): A la recherche d’une musique concrète, Paris: Éditions du Seuil, S. 40.



Der erste Schritt war getan, nun wollte Schaeffer weiteres Klangmaterial sammeln, es erforschen und damit experimentieren. Im Mai 1948 fand er sich auf einem Pariser Bahnhof wieder, ausgerüstet mit einem mobilen Phonographen, mit dessen Hilfe er die vielfältigen Bahnhofsgeräusche einfangen und anschließend im Studio bearbeiten wollte. Dazu positionierte er sich an einem Bahnsteig und nahm die Geräusche der ein- und ausfahrenden Züge auf: das Prusten der Dampflokomotiven, das Rattern der Waggons, die Pfeife des Schaffners und viele weitere. Wieder zurück im Studio montierte er die einzelnen Aufnahmen hintereinander und wiederholte dabei auch einzelne Fragmente. Sein Ziel war die vollkommene Beherrschung des musikalischen Stoffs, aber nicht über den Umweg der Notation, sondern direkt am Klangmaterial selbst. Das Resultat seiner Exkursion zum Bahnhof ist heute als „Eisenbahnstudie“ ein Meilenstein der experimentellen Klanggestaltung und gilt als eines der ersten Beispiele der Musique concrète.

Musikbeispiel „Eisenbahnstudie“ / „Ètude auch chemin des fer“

Loop

Nachdem zwei Jahre später der Schlagzeuger und Komponist Pierre Henry dazugestoßen war, verlagerte sich das Interesse Schaeffers auch auf andere, nicht-technische Klänge: Die „Symphonie pour un homme seul“ ist eine aus Lauten des menschlichen Körpers, präparierten Instrumenten und anderen Geräuschen zusammengesetzte, experimentelle Klangmontage. Die spezifischen Methoden der Klangbearbeitung, die Schaeffer und Henry an Phonograph und Plattenspieler entwickelt hatten, konnten ab 1951 dann auch auf Tonbandgeräte übertragen werden. Da es an den Tonbandgeräten möglich war, einzelne Passagen viel präziser als an den Phonographen zu bearbeiten, konnten die Prinzipien von Wiederholung und Variation der vorgefundenen Objekte stetig verfeinert werden. Mit der Schere konnte ein Fragment präzise herausgelöst und anschließend als repetitive Schleife („Loop“) wieder zusammengeklebt werden. Die beiden Enden des Fragments, ursprüngliche Markierungen seines Beginns und Endes, konnten so mit einer gemeinsamen Nahtstelle aneinandergehängt werden. Die auf diese Weise erreichte Fixierung des Fragments konnte so zum Ausgangspunkt für weitere „konkrete“ und experimentelle Manipulationen wie Filterungen, Überlagerungen oder rhythmische Verschiebungen werden. Spätestens mit dieser Schaffensphase hatte das „Cut-and-Paste“-Verfahren der geklebten Papiere aus der Collage nach Pablo Picasso auch in der avantgardistischen Musik seine Entsprechung gefunden. Schaeffers Schaffen hatte sich herumgesprochen. Und wurde zum Ausgangspunkt für viele weitere experimentellen Klangstudien, deren Methoden sich ab den 1970er Jahren auch in den Studios der Popmusik ausbreiten sollten.

Musikbeispiel „Symphonie pour un homme seul“

Referenzen

Büsser, Martin (1996): The Art of Noise/The Noise of Art. Eine kleine Geschichte der Sound Culture, in: Behrens, Roger et al. (Hg.): Testcard #3. Sound, Mainz: Ventil Verlag, S. 6-19.

Essl, Karlheinz (2007): Wandlungen der elektroakustischen Musik, in: Dézsy, Thomas et al. (Hg.): Zwischen Experiment und Kommerz. Zur Ästhetik elektronischer Musik, Wien: Mille Tre, S. 37-84.

Föllmer, Golo (2004): Audio Art, in: Frieling, Rudolf/Daniels, Dieter (Hg.): Medien Kunst Netz. Medienkunst im Überblick, Wien: Springer, S. 80-117.

Schaeffer, Pierre (1952): A la recherche d’une musique concrète, Paris: Éditions du Seuil.

Zum Autor:
Georg Fischer

Georg Fischer hat in Berlin Soziologie studiert und seine Diplomarbeit zum Thema "Kreativität und Innovation des Samplings" verfasst. Derzeit bearbeitet er seine Dissertation zum Thema "Urheberrecht und Kreativität in der Musikproduktion".

jaegerundsampler.wordpress.com
@jaeger_sampler