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Vote Different

 

Autorschaft

Philip de Vellis (aka: Parkridge47)

Datum 2007
Land USA
Technische Daten

Farbe, Ton, Länge: 1 Min.

Mediales Genre Ton-Bild-Montage
Bereich Politisches Video-Mashup
Ausgangsmaterial

Apple-TV-Clip in der Fassung von 2004, Web-Videos aus Hillary Rodham-Clintons 2007er-Kampagne Let the Conversation begin!

Quelle

YouTube

Zu Beginn des Jahres 2007 präsentierten sich Hillary Rodham-Clinton und Barack Obama als Kandidaten im Rennen um die Democratic primary und standen vor der Herausforderung, die Möglichkeiten des Web 2.0 als Wahlkampfinstrumentarium weitläufig zu nutzen. Mit der Anwärterschaft der beiden Senatoren auf das bisher stets von einem White-colored-Male geführte amerikanische Präsidentenamt, das im November 2008 neu besetzt werden sollte, war eine hochaufgeladene Ausgangssituation geschaffen, die eine hitzige Experimentierphase politischer Diskurspraxis einleitete. Aus ihr ist im März 2007 ein inoffizieller Anti-Hillary-Remix hervorgegangen, der in den USA als wichtiger Bestandteil des partizipativen medienbestimmten Wahlkampfes angesehen wird.



Remix als politisches Interventionsmedium

In einer etwa 5-stündigen Wohnzimmer- und Sonntagsproduktion nahm sich Philip de Vellis am 4. März 2007 eine Kopie des legendären ersten Macintosh-Werbespots von Apple vor, um eine persönlich motivierte politische Botschaft daraus zu formen. Inhaltlich geschickt ausgewählt wie technisch exakt ausgeführt, bettete er unter Verwendung seiner privat lizenzierten Hard- und Software von Apple in den Werbespot Auszüge aus Hillary Clintons Webcast-Konversationen ein, die die Senatorin ihren Wählern unter dem Titel „I’m In“ und mit dem Appell „Let the Conversation Begin“ auf ihrer Website angeboten hatte. In mehreren Sitzungen fanden diese Auftritte Clintons seit Januar 2007 als one-on-one geführte Dialoge mit registrierten und redaktionell ausgewählten Nutzern statt, wobei die Senatorin in ihrem Privatwohnsitz in Washington D.C. vor einer bis ins Detail durcharrangierten wohnzimmerartigen Kulisse zu sehen war.

Aus den Aufnahmen dieser Clinton-Gespräche selektierte De Vellis ausschließlich Nahaufnahmen und Gesprächsturns der Senatorin, die er zu einer monologartigen und inhaltlich repetitiven filmischen Suada verdichtete, um die falsche Künstlichkeit der Inszenierung freizulegen. Diese fügte er in Form von farblich angepassten In-Bild-Montagen substitutiv in die fiktive Geschichte des 1-minütigen Werbefilms an denjenigen Stellen ein, die ursprüngich einen Orwell’schen Diktator auf mehreren Bildschirmen zeigten. Diesem von David Graham gespielten Big Brother ist daran gelegen, seinen Untertanen per Live-Übertragung jegliche Praxis demokratischer Diskussionskultur als eine politische Pest zu vermitteln und sie auf die Ideologie vom Heil der einstimmigen Wahrheit einzuschwören:

„Today, we celebrate the first glorious anniversary of the Information Purification Directives. We have created, for the first time in all history, a garden of pure ideology. Where each worker may bloom secure from the pests of contradictory and confusing truths. Our unification of thoughts is more powerful a weapon than any fleet or army on earth. We are one people, with one will, one resolve, one cause. Our enemies shall talk themselves to death and we will bury them with their own confusion. We shall prevail!“ (Text: Steve Hayden)

Der inhaltlichen Anlage des Werbespots konsequent folgend, in der die grundlegende Botschaft eines Systemwechsels propagiert wurde, funktionierte De Vellis die ehemalige Produktwerbung von 1982 nicht nur zu einer Anti-Hillary-Werbung um, sondern gestaltete aus dem Footage-Material einen unauthorisierten und unmissverständlichen Pro-Obama-Appell, indem er am Ende des Spots in den corporate Regenbogenfarben anstelle des zu erwartenden Apple-Logos das Obama-O erscheinen ließ. Seine Intervention erscheint zugleich als praktischer Beweis für die im Apple-Spot visionierte Nutzung der Medientechnik im Dienste der demokratischen Mitsprache und als eine neue Form der Medienkritik.

In De Vellis‘ Wahlwerbespot stürmt die junge Hammerwerferin aus den 1980er Jahren (Diskuswerferin und Model Anya Major) in eine düstere Versammlungshalle, in der sich eine männliche Arbeiterschaft in uniformer Arbeitskleidung, mit kahlgeschorenen Köpfen und in militärischer Formation versammelt hat. Mit ergrauten Gesichtern oder mit Atemschutzmasken entindividualisiert lauschen die Menschen energielos der indoktrinierenden Ansprache ihrer Führerin Clinton, die eisköniginnenhaft über einen überdimensionierten Bildschirm hymnisch-doppelzüngig zu ihnen herabspricht. Nachdem die von bewaffneten Schutzeinheiten verfolgte junge Athletin am Ende des Mittelganges der Halle angekommen ist, schickt sie den mitgebrachten Vorschlaghammer mit einer Wurfbewegung kraftvoll in das per Bildschirm übertragene Gesicht Clintons, woraufhin der Monitor zerbirst, der Raum mit Licht geflutet wird und der Schein der Herrscherin über den Dialog ebenso erlischt wie dem Schein-Dialog der Herrscherin ein Ende bereitet wird. Nach dieser Bildschirm-Apotheose folgt ein Sprung in die außerdiegetische Wirklichkeit der Rezipienten mit einem für die eigene Zukunft relevanten Hinweis. Per Text-Insert und Audio-Kommentar verkündet der orakelnde omnisziente Sprecher aus dem Off: „Am 24 Januar, wird die Democratic primary beginnen. Und Ihr werdet sehen, warum 2008 nicht wie 1984 sein wird“.


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Sein als Wahlkampfwaffe aufbereitetes Mashup veröffentlichte De Vellis am darauffolgenden Montagmorgen unter dem Titel Vote Different und unter Pseudonym auf der Videoplattform YouTube, anschließend kommunizierte er die Link-Adresse an mehrere politisch bedeutende Weblogs. De Vellis – zugleich professioneller Berater für politische Medien in Washington D.C. und zu dieser Zeit Mitarbeiter der Firma Blue State Digital, die u.a. mit Obamas Primary-Kampagne beauftragt war – zeigte sich über die unmittelbar virale Verbreitung seines Videos verblüfft: Nicht nur war es nach zwei Tagen bereits 100.000 angesehen worden; indem die Zahl der Views das Video kurze Zeit später auf Platz 3 der YouTube-Topliste katapultierte, hatte es damit ebenfalls den hitstärksten von Hillary Clintons offiziellen YouTube-Kampagnenbeiträgen hinter sich zurückgelassen.

In den alten wie neuen Medien wurde De Vellis‘ Grassroot-Erfolg als eine zu Rätseleien und Kurzmeldungen führende Sensation gehandelt. Wer war dieser Unbekannte, der im offiziellen Wettrennen um die mediale Aufmerksamkeit unaufgefordert wie gekonnt mitspielen wollte? Redakteure sahen sich vor die Investigativaufgabe gestellt, schnellstmöglich die Identität des Akteurs hinter dem geheimnisvollen Signum ParkRidge47 zu ermitteln und erhofften sich Antworten auf ihre an die ParkRidge47-Mailadresse gesandten Anfragen. Während einige rasch erkannten, dass das Pseudonym auf persönliche Daten von Hillary Clinton anspielte, die 1947 in Park Ridge, Illinois, zur Welt gekommen war, und Blogger sich über die hervorragende Machart des Cips einig waren, vermutete man als Ideengeber vor allem Obamas Medienberater, eine monetär mächtige Organisation oder einen (inoffiziell engagierten) Hacktivisten. Nach 17 Tagen gelang der Online-Zeitung The Huffington Post der Entschlüsselungs-Coup. Nicht nur präsentierte die Chefredakteurin Arianna Huffington Informationen aus einem mit De Vellis geführten Interview, ebenso gewann sie De Vellis, der per HuffPost-Blog unter dem Titel „I Made the Vote Different Ad“ für Nachfragen und Kritik zur Verfügung stand. Die Beiträge bezogen sich vor allem auf die Fragen, wodurch dieser Netzbeitrag veranlasst worden sei und welche Kriterien zur anonymen Autorschaft bewogen hätten. Als Begründung für die Veröffentlichung unter Pseudonym führte De Vellis seine berufliche Situation an und verwies auf die amerikanische Tradition der anonymen politischen Meinungsäußerung. Von der neuen Position des Netzaktivisten aus formulierte er eine Prognose: „This ad was not the first citizen ad, and it will not be the last. The game has changed.“ Zugleich hob De Vellis die kollaborative Autorschaft seines Projekts hervor, dessen grundlegende Idee aus dem Gespräch mit einem Freund über die Lektüre eines New York Times-Artikels zu Clintons Wahlkampfverhalten entstanden war.

Konkret kritikwürdig für De Vellis war jedoch, dass Hillary Clinton am 20. Januar 2007 auf ihrer Kampagnen-Website Hillary for President ihr nachdrückliches Interesse an einem offenen Gesprächsaustausch mit der Bevölkerung verkündet und eine Einladung zu politischer Partizipation in geradezu insistierender Weise ausgesprochen hatte:

„I want you to join me not just for the campaign but for a conversation about the future of our country. […] I am going to take this conversation directly to the people of America, and I’m starting by inviting all of you to join me in a series of Web chats over the next few days […] I want you to be part of this important conversation right at the start. So to begin, I’m going to spend the next several days answering your questions in a series of live video Web discussions. Starting Monday, January 22 […] I’ll sit down to answer your questions […] And you can participate live at my Web site. Sign up to join the conversation here. […] I need you to be part of this campaign, and I hope you’ll start by joining me in this national conversation.“ (vgl. Abdruck des Clinton Statements in der New York Times)

Anstelle aber de facto mit den Wählern in einen aufrichtigen Dialog zu treten, so De Vellis, habe die Senatorin unter dem Deckmantel der Partizipation Pseudo-Dialoge geführt, wie sie für gewöhnlich in TV-Ansprachen gepflegt wurden. Die Empörung über Clintons Festhalten an einer inadäquaten Top-Down-Kommunikationsweise bildete das Movens für die Remix-Intervention. Clintons kommunikative Spielregeln nicht akzeptierend, erschien es ihm angemessen, ein kühnes Statement der Kritik in einem Akt des kulturellen Jackings zu platzieren, um auf dieses Missverhältnis polemisierend aufmerksam zu machen.

De Vellis‘ Clinton-Attacke, der etliche Witzeleien über die erfolglosen Webcast-Versuche der Senatorin seitens Presse und Netzkommentaren vorausgegangenen waren (vgl. Matt Tyrnauer, 2007), wurde als „Political Video Smackdown“ und hörbares „Aufheulen einer Generation“ (Carla Marinucci, 2007) wahrgenommen. Auch wenn einige Kommentatoren den Eingriff des böswilligen Kobolds in den offiziell geregelten politischen Wahlkampf als störend, unklug und für Barack Obama nachteilig ansahen, so wurde die Intervention mehrheitlich als eine gelungene Wiederbelebungsmaßnahme des öffentlichen Interesses am Wahlkampf der Demokraten empfunden, denn die bisher von Hillary dominierte Szene hatte gähnende Langeweile erzeugt (vgl. James Wolcott, 2007). Hillary Clinton, die ebenso Aufmerksamkeitsvorteile aus dem Bashing beziehen konnte, gab in einem späteren Interview an, dass ihr der Inhalt des Videos nicht bekannt sei, und hob hervor, dass – abgesehen von einer kleinen persönlichen Kränkung – das Video als Aktivierungsinstrument zu akzeptieren sei, sofern es gelänge, damit politikferne Teile der Bevölkerung für die bevorstehende Wahl zu gewinnen.

Vier Wochen nach Veröffentlichung gratulierte YouTube offiziell zu dem Rezeptionserfolg mit über 3 Millionen Besuchern und erbat für die YouTube-Community von ParkRidge47 How-to-do-it-yourself-Tipps. Bis heute sind das mit YouTube-Editor Steve Grove geführte Interview ebenso wie der Vote-Different-Spot wiederum mit Werbecharakter für De Vellis und die Plattform auf YouTube vorhanden. Der Kommentar-Thread zu Vote-Different mit mittlerweile mehr als 1000 Postings wird als expressiver Kanal auch für herabwürdigende Kommentare gegen ParkRidge47 genutzt.

Kontext

Wie ist der Erfolg dieses Kandidaten-Werbespots aus dem Jahr 2007 zu erklären, der im Sinne aktiver Wahlkampfbeteiligung Mitspracherecht einfordert?

Die Grundlage dieses Video-Mashups, das formal ein gelungenes Beispiel für die fugenlose Rekombination bereits bestehender medialer Inhalte bietet, führt zurück in die USA der 1980er Jahre und damit medienkulturgeschichtlich zurück zu den populären Anfängen der digitalen Kultur, als das eigentliche musikalische Remixen sich im Hip-Hop etablierte und der Personal Computer als die für Remixkultur essentielle Hardware mengentauglich wurde: IBM vertrieb bereits seit 12. August 1981 sein erstes PC-Modell erfolgreich mit einem Absatz von jährlich 800.000 Stück. In Konkurrenz dazu sollte der erste für die private Nutzung gestaltete Personal Computer von Apple als überraschende Sensation während des 18. Super Bowl-Spiels 1984 erstmals landesweit beworben werden, um damit zugleich Teil eines etablierten nationalsymbolischen Großereignisses zu werden. Für diesen medialen Auftakt war die Agentur Chiat and Day beauftragt worden, die den Spot unter der Regie von Ridley Scott produzieren ließ (vgl. Interview mit Scott zum Making-of des Spots).

Der Wettkampf um Aufmerksamkeit

Der am 22. Februar 1984 auf einem 1-minütigen Werbesendeplatz der Columbia Broadcasting System (CBS) mit dem schlichten und zugleich anspielungsreichen Titel 1984 ausgestrahlte erste Macintosh-TV-Spot inszenierte einen gegenkulturellen Idealismus und war direkt gegen den marktführenden Computerhersteller IBM gerichtet, dessen Spitzname Big Blue sich in der Farbakzentuierung des Spots als Blautönung wiederspiegelte. Dass mit dem Macintosh nicht nur ein computergestützter Zukunftsalltag für jedermann nun konkret beginnen könne, sondern, dass dieser Alltag glücklicherweise ein entschiedenes Gegenmodell zu George Orwells dystopischer Deutung aus dem Jahr 1949 biete, war das utopisch überformte Werbeversprechen des Spots. Die auf inhaltlicher Ebene formulierte Revolte gegen eine allgemein verinnerlichte Systemlogik und angepasstes Verhalten artikuliert sich ebenfalls auf Gestaltungsebene, denn die Machart dieses Produktwerbe-Clips bricht deutlich mit den bis dato gültigen Regeln des Genres (vgl. Scott 1991, 68): Indem auf die Einblendung des Produkts verzichtet wird und stattdessen eine Leerstelle mit Imaginationsappell gesetzt wird, avanciert der Macintosh für den Rezipienten zu einem Produkt der Wunschvorstellung.


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Dieser Spot, den Steve Jobs im Vorfeld des NFL-Finales bei der AppleVertriebskonferenz im Oktober 2013 vorausschauend als Sensation vorführte, erwies sich entgegen der negativen Einschätzung der entsetzten Vertriebsexperten beim CBS-Launch im Januar tatsächlich als medienwirksamer Kick-Off und Marketing-Touch-Down. Nicht nur verfolgten insgesamt 96 Millionen Zuschauer gemeinschaftlich im Stadion sowie an den Bildschirmen der Bars und Wohnzimmer Ridley Scotts Hammerwerferin mit Macintosh-Logo auf dem Tank-Top als überraschende Einlage während einer Pause im dritten Viertel des Spiels. Verdutzte Sportkommentatoren kommentierten das Macintosh-Spektakel ebenfalls noch während des Spiels und unmittelbar im Anschluss an die Super Bowl-Übertragung berichteten Nachrichtenmagazine über den Werbefilm und zeigten ihn erneut (vgl. Linzmayer 2004, 113). Der Spot wurde von Apple selbst in unmittelbarer Folge nach dieser erfolgreichen Super Bowl-Nacht – vermutlich aus rechtlichen Erwägungen – nicht mehr ausgestrahlt. Da Apple die direkte Bezugnahme auf Orwells titelgleichen Roman, der in den USA bis 2044 (in der EU bis 2020) urheberrechtlich geschützt ist, unautorisiert vorgenommen hatte, wurden die Produzenten Chiat/Day von Marvin Rosenblum – Besitzer der Film- und Fernseh-Verwertungsrechte für Orwells 1984 – auf Unterlassung abgemahnt, woraufhin Apple allerdings explizit nicht reagierte (vgl. Coulson 2009, 110).

Wenn auch Apples Macintosh-Spot in der Wahrnehmung vieler ein einmaliges Ereignis blieb, erzeugte es aufgrund des Medienechos einen wirkungsstarken Aufmerksamkeitseffekt: Mehr als 100 Pressetexte berichteten in den darauffolgenden Wochen über den Spot und knüpften in ihren Schlagzeilen einen Bezug zu George Orwells Roman 1984. Ebenso wurde getitelt „What were you doing when the ‚1984‘ commercial ran?“ (vgl. John Sculley 1987, 178).

Apples popkommerzieller Kurzfilm, der die Sci-Fi-Thematik der gerade erschienenen Zukunftsfilme der 1980er wie Blade Runner oder E.T. aufnahm sowie semantisch clever das situative Setting der medialen Super-Bowl-Inszenierung aus körperlich-passiver Bildschirm-Rezeption und sportlich-körperlicher Heldenleistung zusammenfügte, gilt denn auch als die erfolgreichste Bewerbung eines PCs, als Beginn des Event Marketing und schlechthin als die Ikone unter den Werbespots (vgl. Friedman 2005,17). Neben 34 weiteren Auszeichnungen gewann 1984 auch den Großen Preis des 31. internationalen Werbefilm-Festivals in Cannes. Die Agentur Jung von Matt hat in Anlehnung an diesen Werbegeschichtsmeilenstein eine adaptive Kopie des Apple-Spots für den Modeversandhändler Zalando mit dem Claim Free your Fashion! für eine internationale Kundschaft 2014 produzieren lassen. Als Auftakt der Herbst-Saison und passend zur Eröffnung der Fashion Week 2014 in Paris war der Werbe-Clip, in dem Anna Wintour, die Chefredakteurin des US-amerikanischen Modemagazins Vogue die Rolle der böswilligen Mode-Diktatorin erhalten hatte, im TV und synchronisiert in mehreren Landessprachen auf YoutTube zu sehen. Dass er bei YoutTube mittlerweile nicht mehr frei, sondern nur noch privat zugänglich ist, mag aus den überwiegend abwertenden Reaktionen resultieren, die ihn als einfallsloses Produkt klassifizierten.

Von Apple wurde der 1984-Spot anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Macintosh im Jahr 2004 recycelt. Ein entscheidendes Detail wurde – beinahe unmerklich – hinzugefügt, um subliminal ein weiteres Apple-Produkt zu bewerben: Die sportliche Hammerwurf-Heldin der 1980er, die man sich gut als Trägerin eines zeitgenössischen Walkmans vorstellen kann, wurde nachträglich mit Kopfhörern und iPod ausgerüstet, der erstmals 2001 auf den Markt kam. Dieser wird durch seine Einbettung in den narrativen Kontext zu einem Freigeistzeichen aufgewertet, indem er die Attribute der Trägerin (rein, jugendlich, sexy) verdoppelt und zusammen mit ihr ein Ideal von Körper-Medien-Einheit bildet.

Diese aktualisierte Fassung des 1984er-Spots nutzte Steve Jobs für seine Produktvorstellung auf der MacWorld am 6. Januar 2004, die per Internet und TV-Übertragung verfolgt werden konnte und u.a. für den iPod nano warb. Nicht nur war das 1984-Make-Over somit ein wichtiger Bestandteil der Feier im Sinne der Erfolgsgeschichte. Bei der Jubiläumsfeier wurde als Give-Away ein Standbild aus dem 1984-Clip als Poster ausgegeben und der Clip als ein historischer Meilenstein auf der Apple-Website zugänglich gemacht. In dieser Fassung diente er De Vellis als Materialgrundlage für Vote-Different.

Mediale Kontexte und Anspielungen

Da der Apple-Spot selbst auf dem bekannten Narrativ von Big Brother aufsetzt, das in mehreren Interpretationen und Adaptionen und verschiedenen Kanälen medial present und bekannt ist, kann de Vellis‘ sorgfältig gemachter Remix nicht nur wirksame Analogien evozieren und einen kulturell-imaginativen Kontext eröffnen, der weit über den konkreten Apple-Spot hinausführt und bis zu Orwells medialer Erfahrungswelt selbst retrospektiv rückstrahlt. De Vellis‘ Titel Vote Different z.B. enthält eine Referenz auf die Apple-Kampagne Think Different von 1997, deren Werbe-Videos YouTubern wiederum als Ausgangsmaterial für weitere Parodien dienten. Filmgeschichtlich ist auch die Art der Masseninszenierung des Videos bekannt, die wie ein Remake von Fritz Langs Metropolis-Arbeitern aus neuer Persepktive erscheint. Ebenso erinnert die sportliche Heilsbringerin mit dem applizierten Obama-Logo auf dem weißen Tanktop in ihrer edlen Reinheit an Fritz Langs Maria. Die Athletin stellt das neue Aktivitätszentrum gegenüber der Bildschirm-Herrscherin dar und symbolisiert das Ereignis eines Genrationswechsels. Sie verkörpert Widerstand, Alternative, das dichotom Andere und zugleich die bessere Variante weiblicher Führung mit den Attributen der Selbstbestimmtheit, Energie, Entschlossenheit, Tatkraft, Unerschrockenheit und Gesundheit.

Neben der Anspielung auf Orwell impliziert das mit Bedeutung aufgeladene Jahr 1984 bei De Vellis zudem den medial geführten Präsidentschaftswahlkampf von 1984, in dem sich Ronald Reagan mit seiner Republikanischen Partei, die in den Medien als Grand Old Party bezeichnet wurde, um die 2. Amtszeit bewarb. Der Wahlwerbeclip von de Vellis verweist auf die Geschichte herausragender Clips der TV-Ära, indem er das Feld der politischen sowie der kommerziellen Werbung kreuzt. Er lässt sich einordnen in eine Tradition der agressiven politischen Wahlwerbespots, die in den USA mit dem Daisy-Girl-Ad einen markanten Beginn hat. Jener 1-minütige TV-Spot, der Teil der offiziellen Kampagne der Demokraten für die Präsidentschaftswahl am 3. November 1964 war und den Präsidentschaftskandidaten Lyndon Johnson aus dem Off verkünden lässt, dass die Politik seines Kontrahenden Barry Goldwater den Atomkrieg herbeiführe, setzt ebenfalls auf eine dystopische Angst-Vision und wurde ebenfalls nur ein Mal am 7. September 1964 von der NBC ausgestrahlt.

Im Unterschied zu den offiziellen Wahlwerbespots greift De Vellis mit seinem Remix spielerisch in den Wahlkampf ein. Indem er sich in die offizielle Parteien-Rhetorik einklingt, formuliert einen Kommunikationsbeitrag, der genregleich auf der Ebene der Wahlwerbung selbst mitmischt, wobei der aktuelle Wahlkontext mit einem bereits erfolgreichen Werbespot rekontextualisiert wird, der bei vielen positiv konnotiert ist. Damit steht der Spot ebenfalls in der jungen Tradition der internetspezifischen wahlkampfbegleitenden Kommentierungspraxis, für die charakteristisch ist, dass popkulturelle Artefakte (z.B. Musikvideos) als Vorlage für humorvolle, parodistische oder bissige Umformungen dienen. Interventionistische Kommentierungen dieser Art begannen in den USA mit dem Präsidentschaftswahlkampf 2004 (vgl. Edwards 2012).

De Vellis bezeichnete gegenüber der Huffington Post sein Mashup aus Produkt- und politischer Werbung als „Citizen Ad“. Auch wenn damit erst einmal der Aspekt der hausgemachten Politwerbung betont wird, erscheint damit ein passender Begriff gegeben, um einen Remix-Typus zu erfassen, der implizit auch für Mainstream-Busting wirbt. De Vellis wertet das Remixen zu einer Form des Citizen Act auf, mit dem Bürgerrechte und der kreativer Bereich der Bürgerpartizipation innerhalb einer digitalen Gesellschaft angezeigt werden.

An diesem erfolgreichen Beispiel für politischen Social-Media-Gebrauch wird deutlich, dass das Remixing eine Praxis ist, die in der Medienkultur fest verankert ist und intermedial thematische Verbindung zwischen Politik, Unterhaltung, Werbung, Design und Kunst zu schlagen vermag. Über diese Verknüpfungen können Aussagen getätigt werden, die gesellschaftliche und kulturelle Relevanz beanspruchen. Entscheidend dabei ist: Indem der Remix Heterogenes zusammenfügt, entsteht ein wilder Moment, ein Aufbruch, der auf diskursive Vielfalt verweist und die Voraussetzung für reflektierende Distanz bietet. Remixkultur kann Partizipation im Sinne der Beteiligung am Diskurs und als Teilhabe an Kultur bedeuten. Voraussetzung dafür sind Medienkompetenz, Informiertheit und eine aktive Haltung des Subjekts, das Repliken, Kommentare und Aufmerksamkeit zu kreieren vermag.
Es ist offenkundig, dass die Popularität des Remixkonzepts in der gegenwärtigen Medienkultur aus der Möglichkeit entspringt, bezugsstark und situativ zu kommunizieren. Der Akteur bekennt sich zu einem kulturellen oder politische Ort und bringt auf diese Weise seine intellektuelle wie emotionale Haltung zum Ausdruck: Von wo aus denke ich, was schätze ich, was unterstütze ich, was ist mir wertvoll. Dies zeige ich indirekt an, indem ich es mit einer Kombination aus medialen Produkten signalisiere, die bereits auf mediale Produkte rekurrieren und einen Common Ground garantieren, dabei zugleich Veränderbarkeit und Mehrstimmigkeit zulassen. In diesem Sinne ist Remix Medienkritik, deren Aufgabe darin besteht, so Uwe Kammann (2005, 386f.), „Bilder zu entwerfen, indem sie Bilder anschaut, analysiert und kommentiert.“ Darin sieht Kammann einen der notwendigen Arbeitsschritte „hin zu einer Bürgergesellschaft, zu einer zivilen und zivilisierten Lebensart, die sich nicht am ökonomischen Egoismus und Rigorismus orientiert, sondern die sich von der steten Verantwortung für das Allgemeine leiten lässt – ohne dem individuellen Genuss und der unmittelbaren Sinnlichkeit abzuschwören. Eine Arbeit mit allen Auffächerungen und Schattierungen des Möglichkeitssinns – um die Welt zu öffnen.“

De Vellis‘ Idee der Re-Vision oder Re-Version des 1984-Spots wurde in der Folge selbst mehrfach adaptiert und neu gewendet – z.B. um Barack Obama oder Steve Jobs in der Rolle des Großmonitordiktators zu diskreditieren. Bedeutsamer ist jedoch die Tatsache, dass am Ursprung dieser medialen Prozesskette eine Identifikation vollzogen wurde, die als versteckte Zeit-Symptomatik betrachtet werden kann: Parkridge47 übernimmt als Remix-Akteur die Rolle der blonden Aktivistin, spielt sie gleichsam nach. Beide Akteure sind Bilderstürmer, die durch den Zerstörungsakt andere Bilder und einen anderen Umgang mit ihnen einfordern. Mag am Anfang bei De Vellis auch nur der Wunsch nach Aufruhr vorhanden gewesen sein, durch das Medienecho und die Rezeption, an der viele beteiligt waren, wurde er nachträglich und erfolgreich für die Rolle des Hammerwerfers gecastet.

Referenzen

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Zur Autorin:
Anett Holzheid

Anett Holzheid ist Medien- und Sprachwissenschaftlerin und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZKM in Karlsruhe. Zuvor war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mediengeschichte der Universität Siegen tätig.

www.holzheid.net