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Karlheinz Stockhausen: „Telemusik“ und „Hymnen“

 

Titel „Telemusik“ (1966) und „Hymnen“ (1967)
Autorschaft

Karlheinz Stockhausen

Datum 1966 bzw. 1967
Land Deutschland
Mediales Genre Avantgardistisch-Experimentelle Tape-Musik
Bereich Musik
Ausgangsmaterial

Hymnen, Folklore

Quelle

karlheinzstockhausen.org

Karlheinz Stockhausens Rolle in der europäischen Avantgardebewegung der Nachkriegszeit wird bisweilen als „enfant terrible“ beschrieben (Schwarz 1996: 28). Dieser besondere Ruf kommt nicht ungefähr, denn Stockhausen wird nachgesagt, die Musik in einer vorher nicht dagewesenen Radikalität in Frage gestellt und sie damit in ihren Grundfesten erschüttert zu haben. Seine Werke, insbesondere in der maßgeblich von ihm beeinflussten Elektronischen Musik, aber auch im Bereich der Seriellen Komposition und der Aleatorik, werden nach wie vor ausführlich und kontrovers diskutiert.



Schon als junger Musikstudent, der 1953 an das frisch gegründete Studio für Elektronische Musik des WDR in Köln gekommen war, beklagte Stockhausen die große Konservativität der klassischen Musik und forderte für sie einen „radikalen Neubeginn“ (Blumröder 1993: 17).

Das Kölner Studio war nach dem Vorbild von Pierre Schaeffers Pariser Studio als Klangforschungsstätte eingerichtet worden. Doch im Gegensatz zur „Geräuschmusik“ der vorgefundenen Klänge der Musique concrète (sogenannte „found sounds“) setzte das Kölner Studio anfangs vor allem auf die Erzeugung und Erforschung von synthetischen, also künstlich hergestellten Klängen. Stockhausen und seine Kollegen experimentierten dafür mit verschiedenen Gerätschaften der Messtechnik wie Ringmodulatoren, Frequenzgeneratoren und anderen Instrumenten. Sie erschufen Klänge, die in dieser Qualität vermutlich noch kein Mensch vorher gehört hatte und zeichneten diese auf Tonbändern auf. Mit diversen Filter- und Verarbeitungsmethoden nahmen sie die aufgenommenen Klänge immer wieder auf’s Neue in die Mangel, modulierten sie miteinander und schufen auf diese Weise fortlaufend neuartige klangliche Varianten und Kombinationen.

Ganz im Sinne der „Neuen Musik“ wollte auch Stockhausen neue klangliche Parameter ausloten und die Grenzen dessen, was bis dahin als „Musik“ gegolten hatte, verschieben. Während er sich in den 1950er Jahren hauptsächlich der Synthese neuer Klänge verschrieben und die Verwendung von „found sounds“ entschieden abgelehnt hatte, lernte Stockhausen in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre offenbar den Gebrauch von Mikrofonen zu schätzen und änderte seine Haltung gegenüber konkreten Klangmaterialien: Der Komponist Joel Chadabe hielt fest:

„By the mid-1960s, Stockhausen’ tape compositions had become increasingly like musical films conceived as international epics. As a camera records visual events that are then brought together and edited into their final continuity as a film, so Stockhausen increasingly used a microphone to record sounds, and sounds that were recorded apart in space and/or time were brought together and electronically processed, edited, and mixed into their final continuity on tape.“

— Chadabe (1997): S. 40f.

Stockhausen zur Zeit der Produktion von Hymnen (ca. 1967) im Studio für Elektronische Musik, Köln

Mashups

Mit der „Telemusik“ von 1966 schließlich schuf Stockhausen ein Stück, das exakt diesen Wandel ausdrückt. Er griff dafür auf den künstlerischen Gedanken der Collage zurück, also auf das kunstfertige Zusammenkleben fremdartiger Materialien, durch das etwas Neues entsteht. Und gleichermaßen wollte Stockhausen durch Verschmelzung der verwendeten Musiken eine Collage der Klänge überwinden. Fleißig trug er Aufnahmen aus verschiedenen Zeiten und allen Teilen der Welt zusammen: In der „Telemusik“ finden sich neben Aufnahmen buddhistischer Tempelrituale, tribalen Rhythmen aus der afrikanischen Sahara oder vietnamesischer Folklore auch indianische Wiegenlieder, spanischer Flamenco, transsylvanische Tanzmelodien oder Pubertätszeremonien brasilianischer Mädchen. Das entscheidend Neue allerdings ist nicht die bloße Zusammenführung der verschiedenen Folkloren, die ihrerseits mit eigener Bedeutung versehen sind und kulturell ganz bestimmte Funktionen haben – Stockhausen wollte vielmehr eine Musik erschaffen, die durch minutiös geplante Materialverzahnung eine höhere Ebene erreicht und das Gesamtweltliche der Kultur friedlich miteinander vereint. Dafür legte er Klangschichten übereinander und manipulierte diese mit der Methode der Modulation so miteinander, dass sich daraus neue Klangschichten ableiten ließen, die wiederum für weitere Verarbeitungen genutzt werden konnten. Die „Telemusik“ ist daher keine kolonistische Schau einzelner Traditionen, deren Folklore nebeneinander gestellt wurden. Vielmehr liegen die Klänge übereinander, sind ineinander übergegangen und miteinander moduliert. Im Ergebnis klingt es allerdings kaum nach dem, was wir als Musik kennen. Es blubbert und pfeift, knistert, kracht und klingelt an allen Ecken und Enden. Und so mag sich auch eine heimelige, friedliche Stimmung nicht so recht einstellen; an vielen Stellen wirkt die „Telemusik“ sogar ein wenig bedrohlich, weil sie so fremd und bizarr daherkommt.

Karlheinz Stockhausen „Telemusik für Elektronik Nr. 20“ © Copyright 1969 by Universal Edition A.G., Wien/UE 14807

Telemusik (1966)

Während in der „Telemusik“ die Intermodulation von synthetischen und konkreten Klängen im Vordergrund stand, dehnt Stockhausen sein Kompositionsprinzip für die ein Jahr später erschienenen „Hymnen“ sogar noch aus. Wie der Titel bereits vermuten lässt, wurden hier etwa 40 Nationalhymnen miteinander verwoben und moduliert, beispielweise hinsichtlich ihrer Rhythmik und Harmonik. Ähnlich wie in der „Telemusik“ galt es, die spezifischen politischen und nationalen Bedeutungen der einzelnen Musikstücke durch Kombination und Verfremdung in eine Gesamtheit zu überführen. Die „Hymnen“ sind in einer bestimmten Hinsicht jedoch leichter zugänglich als die „Telemusik“: Denn hin und wieder „blitzen“ die Originalstücke auf, wenn auch nur für Sekunden oder deren Bruchteile. Kurze Fetzen einer Hymne sind zu hören und doch auch schon wieder verschwunden, sobald man meint, sie identifiziert zu haben. Die herausgelösten Hymnen wirken daher fremd und scheinen ziellos in der Luft zu irren, ständig herumgeschubst von unerwarteten und sonderbaren Geräuschen. So entsteht eine raffinierte Albernheit, denn die ursprünglichen Referenzen sind fast vollständig gekappt: die ehemals erhabene, staatstragende Bedeutung der Nationalhymnen ist durch die extreme Verfremdung mit einer anderen Semantik überschrieben worden.

Hymnen (1967)

Referenzen

Blumröder, Christoph von (1993): Die Grundlegung der Musik Karlheinz Stockhausens, Stuttgart: Franz Steiner.

Chadabe, Joel (1997): Electric sound: The past and promise of electronic music, Upper Saddle River, New Jersey: Prentice Hall.

Erbe, Marcus (2004): Karlheinz Stockhausens TELEMUSIK (1996), in: Blumröder, Christoph von (Hg.): Kompositorische Stationen des 20. Jahrhunderts. Debussy, Webern, Messiaen, Boulez, Cage, Ligeti, Stockhausen, Höller, Bayle, Münster: LIT, S. 129-171.

Schwarz, K. Robert (1996): Minimalists, London: Phaidon.

Stockhausen, Karlheinz (1966): Telemusik, in: Schnebel, Dieter (Hg.): Karlheinz Stockhausen. Texte zur Musik 1963-1970. Band 3, Schauberg: DuMont, S. 75-84.

Stockhausen, Karlheinz (1969): Hymnen, in: Schnebel, Dieter (Hg.): Karlheinz Stockhausen. Texte zur Musik 1963-1970. Band 3, Schauberg: DuMont, S. 96-101.

Stockhausen, Karlheinz (1969): Telemusik (1966). Partitur, Wien: Universal Edition.

Zum Autor:
Georg Fischer

Georg Fischer hat in Berlin Soziologie studiert und seine Diplomarbeit zum Thema "Kreativität und Innovation des Samplings" verfasst. Derzeit bearbeitet er seine Dissertation zum Thema "Urheberrecht und Kreativität in der Musikproduktion".

jaegerundsampler.wordpress.com
@jaeger_sampler



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