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Terry Riley – You’re no good

 

Autorschaft

Terry Riley

Datum 1967 (offizieller Release: 2000)
Land USA
Technische Daten

Stereoaufnahme, 20:30 min (Original: 2:49 min)

Mediales Genre Avantgardistisch-Experimentelle Tape-Musik
Bereich Musik
Ausgangsmaterial

„You’re no good“, erschienen 1968, geschrieben von The Harvey Averne Dozen (2:49 min)

Quelle

terryriley.net

Der Kalifornier Terry Riley zählt zusammen mit Steve Reich, La Monte Young und Philip Glass zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten „Minimal Music“, die in den 1970er Jahren entstanden ist. Dabei ist das Genre Minimal Music aber nicht zu verwechseln mit jener Spielart der elektronischen Tanzmusik der 2000er Jahre, die sich aus dem Techno heraus entwickelt hat und heute meistens als „Minimal Techno“ oder schlichtweg „Minimal“ bezeichnet wird. Zwar haben beide Genres gemeinsam, dass die Stücke in der Wahl ihrer musikalischen Mittel stark reduziert sind und sich Veränderungen nur inkrementell, das heißt sehr langsam, teils über Minuten hinweg bemerkbar machen. Aber die hier vorgestellte Minimal Music hat sich nicht aus einer DJ- und Produktionskultur der elektronischen Tanzmusik entwickelt, sondern lässt sich zurückführen auf avantgardistische Experimente an Tonbändern, wie sie von Pierre Schaeffer oder Karlheinz Stockhausen seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt wurden.



Ursprünglich als Komponist im traditionellen Sinne ausgebildet, beschäftigte sich Terry Riley vornehmlich mit Klavierspiel und Orchesterkompositionen, bis er auf seinen Reisen durch Europa und Nordafrika in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren mit neuen Musikstilen und Produktionstechniken in Berührung kam. Der musikalisch sehr offene Riley erkannte, dass er die gängige Einteilung in experimentelle, klassische und populäre Musik bis zu einem bestimmten Maße aufbrechen konnte. Fortan begriff er Technologien wie Tonbandmaschinen, Echoplex-Hallerzeuger oder Synthesizer als Erweiterung zu seinen klassischen Arbeitsgeräten Klavier, Stift und Papier. Beeinflusst von Jazz, Popmusik, den avantgardistischen Tonbandcollagen Pierre Schaeffers, Arnold Schönbergs Zwölftonmusik sowie traditionellen arabischen und indischen Liedern begann Riley mit verschiedenen Methoden und Geräten zu experimentieren. Die fortlaufende Wiederholung eines musikalischen Ausschnitts hatten ihn dabei schon früh fasziniert, wie er berichtet:

„I think I was noticing that things didn’t sound the same when you heard them more than once. And the more you heard them, the more different they did sound. Even though something was staying the same, it was changing. I became fascinated with that. I realized it was stasis – it was what La Monte [Young] and I had talked about a lot in terms of his long-tone pieces – but it was stasis in a different application. In those days the first psychedelic experiences were starting to happen in America, and that was changing our concept of how time passes, and what you actually hear in the music.“

— Riley zitiert nach Schwarz (1996): S. 35.

Partitur Rileys, Keybord Studies No 2 (entnommen aus Potter 2000: 126)

Während sich Riley diesem Ansatz der inkrementellen Veränderung eines Stückes zu Beginn noch über sein kompositorisches Handwerk näherte und mit der semi-improvisatorischen Orchesterkomposition „In C“ (uraufgeführt 1964 am San Francisco Tape Music Center) erste Bekanntheit errang, ist für uns besonders das Stück „You’re no good“ interessant. Der Latin- und Soulproduzent Harvey Averne hatte es mit seiner Band 1968 aufgenommen und auf dem Album „Viva Soul“ veröffentlicht. Es ist ein harmloser Popsong mit dem üblichen Aufbau von Strophe und Refrain und drei Minuten Spiellänge:


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Im Auftrag einer Diskothek aus Philadelphia fertigte Riley aus Avernes „You’re no good“ eine eigene, eigenständige, ja geradezu eigenwillige Version. Mit Hilfe von zwei Tonbändern, einem Sinuswellengenerator und einem Synthesizer transformierte er zentrale Elemente des Stücks zu einer gut 20 Minuten dauernden Tonbandcollage, deren klangliche Experimentierfreude die Tanz- und Hörgewohnheiten der Diskothenbesucher gewiss auf die Probe stellte. Durch Wiederholung, Verzerrung und Variation der Passage „You’re no good“ bekommt Rileys Version nämlich einen komplett eigenen, bisweilen verstörenden Charakter, der durch Verkürzung, rhythmische Überlagerungen und Stereoeffekte immer weiter auf die Spitze getrieben wird. Nach dem Intro, das in seiner anschwellenden Wirkung dem Start eines Düsenjets gleichkommt, mag der erste Einsatz der „You’re no good“-Passage erlösend sein. Wenige Minuten später jedoch hat sich durch minimale und stetige Veränderungen im repetitiven Loop eine komplett andere Stimmung eingestellt, die sich durch abermalige Wiederholung und Variation des Loops einer ungekannten Klimax entgegenschraubt.


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Rileys Version von „You’re no good“ mag anstrengend und fordernd sein, gewiss – aber sie forciert die wichtige Öffnung der experimentellen Tape Music hin zur Popmusik, die noch von Stockhausen zur gleichen Zeit zu Gunsten der Trennung von hoher und niedriger Kunst abgelehnt wurde. Und gleichermaßen symbolisiert Rileys Arbeit eine Abwendung von der kompositorischen Musikgenese mit Stift und Papier hin zu einer konkret am Klangmaterial geformten Neu-Arrangierung eines Stücks, das in seiner abgeleiteten Form trotzdem das Original als eingewobenes Zitat deutlich erkennbar bleiben lässt. Jahre bevor der Discoproduzent Tom Moulton das Verfahren „Remix“ überhaupt etablierte, hatte Terry Riley schon einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Remixings und Samplings geleistet, indem er zeigte, was für bemerkenswerte, erstaunliche und bisweilen abstruse Klänge sich aus einem Stück ableiten lassen.

Referenzen

Mertens, Wim (1983): American Minimal Music. La Monte Young. Terry Riley. Steve Reich. Philip Glass, London: Kahn & Averill.

Potter, Keith (2000): Four Musical Minimalists: La Monte Young, Terry Riley, Steve Reich, Philip Glass, Cambridge: Cambridge University Press.

Nyman, Michael (1999): Experimental Music. Cage and Beyond, Cambridge: Cambridge University Press.

Schwarz, K. Robert (1996): Minimalists, London: Phaidon.

Zum Autor:
Georg Fischer

Georg Fischer hat in Berlin Soziologie studiert und seine Diplomarbeit zum Thema "Kreativität und Innovation des Samplings" verfasst. Derzeit bearbeitet er seine Dissertation zum Thema "Urheberrecht und Kreativität in der Musikproduktion".

jaegerundsampler.wordpress.com
@jaeger_sampler



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